Auf dem Streckenabschnitt zwischen Rüdesheim und Koblenz gibt es fünf Fähren. Sie befinden sich in Rüdesheim, Lorch, Kaub, St. Goarshausen und in Boppard. Für weitere Informationen zu den Fähren und den Fahrplänen wählen Sie die Fähre bitte über das Foto aus.

St. Goarshausen, Ende Februar - Für einen Euro gibt es die ganze Geschichte. Oben auf dem verwitterten Plateau des Schieferbergs, hoch über dem Tal, in dem der große Fluss sich windet und auch ein wenig strudelt, steht eine Stehle aus Blech mit einem Lautsprecher in der Spitze. In der Vorderseite des Blechkegels befindet sich ein Schlitz für die Münzen, und ist der Euro gefallen, dringt aus dem Lautsprecher eine geschmeidige Stimme. Sie erzählt von der Sage, die den Berg am Rhein seit Jahrhunderten so viel größer gemacht hat als er ist. Sie erzählt von der Loreley, die auf dem Felsen sitzt, die Schiffer anzieht und mit ihren Kähnen in der engen Biegung stranden lässt. Und das hat mit ihrem Singen die Loreley getan. Die Stimme zitiert das Gedicht von Heinrich Heine, das mit leisem Spott die sagenhafte Frau am Rhein ein wenig kleiner machen wollte und alles, nur nicht das erreichte.
Was ist ein Klischee, wenn es Wirklichkeit wird? Der Berg ist leer an diesem Morgen, an einem sonnigen Februartag, an dem der Wind Nebelreste über das Tal weht und das Geräusch von zufallenden Autotüren. Eine japanische Familie hat ihren Mietwagen abgestellt. Rhein-Romantik-Touristen. Der Vater lehnt sich mit der Kamera über das Geländer in der Höhe, er sagt, er habe von dieser Geschichte viel gehört. Jetzt trägt er auf seiner Speicherplatte die Bilder des deutschen Berges nach Hause, auf einen anderen Kontinent.
Es sind Nahaufnahmen einer alten Geschichte, in der gerade ein neues Kapitel geschrieben wird, von dem die Stimme aus dem Blechkegel noch nichts erzählt, das sich aber erkennen lässt, wenn man von der Loreley flussabwärts blickt. Dort unten auf dem Strom stellt sich einer quer, es ist der Fährmann Klaus Hammerl mit seiner Fähre; und man könnte nun sagen, es ist der Beruf eines Fährmannes, sich querzustellen auf dem Fluss, weil er ja von einem Ufer ans andere muss. Aber darum geht es nicht, es geht um Hammerls Existenz. Denn jetzt sprechen sie wieder von einer Brücke über den Rhein, die Leute in der Landesregierung von Rheinland-Pfalz, und die Leute in den Orten links und rechts des Flusses ohnehin. Zumindest in den kleinen Städtchen zwischen Mainz und Koblenz, wo es auf 100 Kilometer keine Brücke zwischen den Ufern des Flusses gibt. Endlich soll sie gebaut werden.
Die Brücke. Sie ist der natürliche Feind des Fährmanns. Schon Klaus Hammerls Vater Wolfgang fürchtete sie, und vor ihm dessen Onkel Willy Menges, auch er ein Fährmann in St. Goarshausen. Es ist eine sehr lange Geschichte, die Klaus Hammerl erzählt, wenn er von seinem Familienunternehmen spricht. Einer seiner Vorfahren hat hier schon vor 500 Jahren die Leute über den Rhein gebracht, und als selbständige Fährleute arbeiten seine Ahnen seit 1794. Wahrscheinlich hatten sie dieselben Sorgen wie er. Klaus Hammerl ist ein Mann, der um fünf Uhr morgens wach liegt in seinem Haus am Rheinufer; wenn er spürt, dass das Wasser steigt und Treibgut gegen seine Fähre schwemmt.
Denn diese Fähre ist sein Leben, auch wenn er das im Beisein seiner Frau und der vier Kinder vielleicht nicht ganz so deutlich sagen würde, aber so ist es, und es ist verständlich für einen Mann, der in einer jahrhundertealten Tradition lebt, selbst dann, wenn er erst 43 ist. Hier am Rheinkilometer 556 hat seine Familie Wilhelm II. und Sting zur Loreley übergesetzt, preußische Truppen und Zirkuselefanten, Victor Hugo und die Jungs von Tokio Hotel. Die Loreley, oben auf dem Berg hat die Fährleute nie behelligt; die einzige Macht, die das Schiff untergehen ließ, war die SS. Sie versenkte die Fähre zum Kriegsende im Hafen von St. Goarshausen. Wenn Klaus Hammerl das erzählt, sagt er, dass er gerne Geschichte studiert hätte. Doch er hat sich in die Familiengeschichte eingereiht. Nun ist er ihr Bewahrer, vielleicht ihr letzter. Die Brücke, die es immer noch nicht gibt, hat Hammerls Leben von Anfang an bestimmt. Schon sein Vater befahl den Kindern, etwas anderes zu lernen als Fährmann. Wegen der Brücke, die da kommen könnte. Klaus Hammerl wurde Maschinenbauer, ein guter sogar. Er hat Mercedes-Benz ein paar Probleme in der Produktion gelöst, doch das war es dann auch. Der Rhein hat seine Sogkraft. Hammerl landete wieder in St. Goarshausen an und übernahm den Betrieb.
Und es geschah etwas für das Klaus Hammerl nichts kann, was ihm aber heute ungemein hilft. Im Jahr 2002 erhob die Unesco das Obere Mittelrheintal mit seinen Burgen, Bergen und Flussschleifen und wahrscheinlich auch mit seinen Fähren in den Rang des Weltkulturerbes. Hammerl hat sich gleich als Teil dieses prächtigen Panoramas gesehen, und als die Leute über die Brücke redeten, da hat er nachgedacht, wahrscheinlich wieder am frühen Morgen. Diesmal dachte er nicht an steigendes Wasser, sondern an die wachsende Gefahr. Die Brücke. Und seither hängt ein großes Transparent an seiner Fähre. Darauf steht:
Das muss einem erst einmal einfallen. Aber wahrscheinlich ist das nicht so schwierig, wenn man eine Fähre steuert, die Loreley VI heißt, und die vorläufig letzte Fähre in einer langen Geschichte ist, die vor vielen Jahren mit der Loreley I begann. Wieso sollte man sich nicht als Welterbe verstehen? Zumal die Experten der Unesco die Welt so sehen wie Fährmann Hammerl: Eine Brücke an der Loreley darf es nicht geben, andernfalls könnte das Prädikat "Weltkulturerbe" für die paar Kilometer Rheintal wieder gestrichen werden.
Keine kleine Drohung ist das, aber in Dresden hat sie am Ende auch nicht verfangen, die Sachsen bauen ihre Brücke über die Elbe und leben auch ohne Weltkultur weiter. So kann sich auch Klaus Hammerl auf dem Rhein nicht sicher sein, ob nicht doch irgendwer über seinen Kopf hinweg entscheiden wird. Denn dort müsste die Brücke ja gebaut werden, ein paar Meter über dem Wasser, das Hammerl jeden Tag befährt.
Wenn Hammerl erklären will, wie er mit der Loreley VI von einer Seite des Rheins auf die andere kommt, dann nimmt er einen Notizblock und malt eine Skizze aufs Papier. Klaus Hammerl ist so ein Mensch, der erst einmal eine Zeichnung machen muss, wenn er etwas erläutern soll. Ein Techniker, der aber immer auch eine gehörige Portion Text zu seiner Skizze dazugibt. Er malt also das Schiff im Fluss mit seinem Antrieb und seiner Steuerung. Und dann sagt er: "Die Fähre ist so eine Art Spielball im Wasser." Doch was er eigentlich sagen will, ist: Hätte er die Fähre nicht so durchdacht konstruiert, und könnten er und seine Angestellten die Loreley VI nicht so behutsam von Ufer zu Ufer manövrieren, dann wäre sie ein Spielball. Aber das hat Hammerl im Griff, weil es ihm zuwider ist, ein Spielball zu sein.
Dieter Clasen, der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Loreley, kann Klaus Hammerls Fähre nicht sehen. Er hat die Jalousien im Zimmer seiner Bürgermeisterei am Rhein heruntergelassen, weil ihm sonst den ganzen Nachmittag die Sonne ins Gesicht scheinen würde. Clasen ist 56 Jahre alt und kennt Klaus Hammerl seit langem. Das heißt nicht, dass er ihn versteht, den Fährmann, der die Brücke nicht will, nicht wollen kann. Denn Clasen, der rechts des Rheins seine Geschäfte führt, fühlt sich abgeschnitten vom Rest der Welt. Von den Autobahnen auf der linksrheinischen Seite, von den großen Straßen, die in die Ferne führen.
Klaus Hammerl nennt den Bügermeister einen Brückenbauer, und das ist für den Fährmann selbstverständlich eine Art Schimpfwort. Vielleicht ist es auch so, dass Hammerl den anderen etwas voraus hat. Es ist ein Gefühl, das die anderen sich von der Brücke erhoffen, dieses Gefühl, den Strom, wann immer sie wollen, überqueren zu können. Für Hammerl ist das Alltag, und deshalb kann er sich vielleicht auch nicht vorstellen, wie die anderen, die an den Ufern zurückbleiben dieses Gefühl vermissen. Aber Hammerl kann es gut in Worte fassen, was er jeden Tag erlebt, und was eine Brücke ihm nähme. "Es ist dieses Hin und Her, das einen die Lebendigkeit auch dann spüren lässt, wenn man immer an einem Ort lebt, im engen Rheintal." Dann spricht er davon, dass man das Überschreiten eines Flusses ja auch verkraften müsse. "Auf einer Brücke bekommt man davon nichts mehr mit." Hammerl findet die Vorstellung schrecklich, aber wahrscheinlich ist es genau das, wovon seine Nachbarn träumen.
In 15 Jahren, spätestens, sagt Bürgermeister Clasen, will er über die Brücke fahren. Ein Minister des Landes hat sogar einmal gesagt, noch vor der Landtagswahl 2011 könnte die Brücke fertig sein. Aber so reden Minister, das weiß der Bürgermeister und nimmt die Prophezeiung nicht so ernst. Und dann gibt es ja auch noch die Formulierung von der "festen Rheinquerung" unter der man sich erst mal nicht viel vorstellen kann, die aber auch der Bürgermeister gern benutzt, weil das Wort Brücke die Leute von der Unesco sehr reizt und eine "feste Rheinquerung" auch ein Tunnel sein könne, wenn man keine Brücke über das Tal der Loreley schlagen dürfe. Darüber müsse man doch reden können.
Klaus Hammerl hofft, dass sie noch lange reden werden. Für einen, der es gewohnt ist, keinen festen Boden unter den Füssen zu haben, ist es durchaus angenehm, wenn die Dinge im Fluss bleiben. Er ist noch jung, seine Frau ist es auch und die Loreley VI erst recht, fünf Jahre alt nur. Und deshalb zeugt es von großem Optimismus, wenn sich Hammerls Frau beim Abendessen zu ihm neigt und leise zu ihm sagt: "Du wirst noch die Loreley VII bauen." Hammerl blickt ins Leere, und es sieht so aus, als entwerfe er gerade einen Konstruktionsplan für das nächste Schiff. Dann lächelt er, ganz kurz nur.
Quelle: Süddeutsche Zeitung 03/08 Von Jochen Arntz
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| Quelle: Foto Loreleyfelsen Felix König | © 2006 go_on Software GmbH |
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